Der Motorrad-Guide fürs Werra-Meißner-Land: kurvige Strecken über den Hohen Meißner, das Werratal, Bikertreffs, Sehenswürdigkeiten im Frau-Holle-Land, Werkstätten und Anreise.
Das Werra-Meißner-Land liegt im äußersten Nordosten Hessens, dort wo der Regierungsbezirk Kassel an Niedersachsen und Thüringen stößt. Im Norden grenzt der Landkreis Göttingen an, im Osten die thüringischen Kreise Eichsfeld, Unstrut-Hainich und Wartburgkreis, nach innen zu Hessen der Kreis Hersfeld-Rotenburg, der Schwalm-Eder-Kreis und der Landkreis Kassel. Kreisstadt ist Eschwege. Die eigentliche Achse der Region ist die Werra: Sie kommt aus Thüringen, zieht in weiten Bögen nach Nordwesten an Wanfried, Eschwege, Bad Sooden-Allendorf und Witzenhausen vorbei und vereinigt sich erst weit hinter der Kreisgrenze in Hann. Münden mit der Fulda zur Weser. Wer hier fährt, orientiert sich am Fluss und an den Höhenzügen, die ihn einrahmen.
Gerahmt wird das Revier von zwei Autobahnen, die man beim Fahren links liegen lässt: die A 4 streift den Süden, die A 38 den Norden. Dazwischen ist es Bundes- und Landstraßen-Land, und es ist ausgewachsenes Mittelgebirge. Die Höhen reichen vom Werratal, das gegen Witzenhausen auf gut 130 Meter absinkt, bis zur Kasseler Kuppe auf dem Hohen Meißner, mit 751 Metern die höchste Erhebung des Kreises. Rund 600 Höhenmeter Spanne auf engem Raum: Daraus bezieht die Region ihren fahrerischen Reiz — keine flache Durchgangslandschaft, sondern ständiges Steigen und Fallen.
Die Naturräume sind klar sortiert. Im Nordwesten dehnt sich der bewaldete Kaufunger Wald, im Zentrum ragt das Basaltmassiv des Meißner auf, im Südosten liegt der Ringgau — eine Muschelkalk-Hochfläche, überwiegend unbewaldet und ackerbaulich genutzt, mit der Rabenkuppe als höchstem Punkt bei 514,8 Metern. Dazu kommen das Stölzinger Gebirge im Südwesten, die Gobert im Nordosten und der Schlierbachswald bei Eschwege. Jeder dieser Blöcke fährt sich anders: der Ringgau offen und übersichtlich mit weiten Blicken über die Felder, der Meißner und der Kaufunger Wald geschlossen bewaldet mit kurvigen Anstiegen unter Buchen.
Das Straßennetz folgt dieser Gliederung. Die B 27 begleitet die Werra durch das Tal, unter anderem durch Bad Sooden-Allendorf, und ist die schnelle Nord-Süd-Verbindung. Quer dazu läuft die B 7 in Ost-West-Richtung Richtung Eschwege und Wanfried, die B 249 führt am Nordufer des Werratalsees bei Eschwege entlang, die B 452 ergänzt das Netz um die Kreisstadt, und die B 80 zieht bei Witzenhausen weiter Richtung Weser. Die eigentliche Signatur-Strecke aber sind die Landesstraßen L 3241 und L 3242, die als Frau-Holle-Route der Deutschen Märchenstraße über den Hohen Meißner steigen — der lange Anstieg aus dem Tal hinauf zum Plateau um Schwalbenthal ist eine der kurvenreichsten Auffahrten der Gegend.
Schloss Berlepsch im Werra-Meißner-Land
Das Fahrgefühl wechselt entsprechend im Minutentakt. Unten im Werratal fließt es: lange, gut einsehbare Bögen entlang des Flusses, Ortsdurchfahrten mit Fachwerk, dann wieder freie Sicht auf die Talhänge. Zweigt man ab und klettert auf die Höhen, wird es enger und technischer — die Auffahrten auf den Meißner und in den Kaufunger Wald ziehen sich in engen Kurven durch dichten Wald, während oben auf dem Ringgau die Landstraßen fast schnurgerade über die offene Hochfläche laufen und den Blick weit über Hessen und bis nach Thüringen freigeben. Dieser Kontrast — enges, waldiges Steigen gegen weites, offenes Rollen — macht schon eine kurze Runde abwechslungsreich.
Die Verbindung zwischen Talgrund und Höhe übernehmen die Seitentäler. Von der Werra zweigen kleinere Flüsse ab — die Wehre bei Eschwege, die Sontra, die Frieda, die Gelster bei Witzenhausen, die Losse im Nordwesten —, und ihre Täler tragen die Straßen aus dem Haupttal heraus in die bewaldeten Höhenzüge hinauf. Daraus ergibt sich fast von selbst das Muster einer Runde: hinein ins Werratal, an einem der Nebenflüsse aufwärts auf die Kammlage, über die Hochfläche und durch ein anderes Seitental wieder hinab zum Fluss. Die Strecken muss man nicht lange suchen — die Topografie legt sie an.
Farbe bekommt das Revier durch seine Ränder. Rund um Witzenhausen liegt das größte zusammenhängende Kirschenanbaugebiet Europas; im Frühjahr fährt man durch blühende Hänge, im Sommer durch die Erntezeit. Über dem Werratal stehen die Burgen der alten Grenze, und der Meißner selbst gab dem Geo-Naturpark Frau-Holle-Land den Namen, der Meißner, Kaufunger Wald, Söhre und Ringgau zusammenfasst. Dass hier über Jahrhunderte Grenzen verliefen — zwischen hessischem und mainzischem Gebiet, später die deutsch-deutsche Grenze an der Werra — hat die Landschaft dünn besiedelt und verkehrsarm gehalten. Für Motorradfahrer heißt das: viele kleine Straßen, wenig Durchgangsverkehr.
Die mittelalterliche Werrabrücke bei Creuzburg
Das Klima ist typisch Mittelgebirge. Das Werratal liegt geschützt und mild, die Kammlagen von Meißner und Ringgau sind spürbar kühler, oft ein paar Grad frischer und feuchter — auf dem Meißner hält sich im Winter genug Schnee für zwei Skilifte und gespurte Loipen. Für die Motorradsaison bedeutet das eine lange, gut fahrbare Spanne vom Frühjahr bis in den Herbst; die Höhen bleiben morgens allerdings länger klamm und brauchen nach Regen Zeit zum Abtrocknen. Die naheliegende Reihenfolge für einen Fahrtag ergibt sich daraus von selbst: erst das Tal, dann die Höhen.
Damit bleibt das Werra-Meißner-Land ein kompaktes Kurvenrevier: an einem langen Tag zu umrunden und trotzdem so unterschiedlich, dass sich mehrere Runden lohnen. Fließendes Flusstal, waldige Steilauffahrten und weite Muschelkalk-Hochfläche wechseln sich ab, dazwischen liegen rund 600 Höhenmeter zwischen Werra und Meißner — eine Staffelung, die auf so kleiner Fläche selten ist.
Es müssen nicht immer die Alpen, der Harz oder der Schwarzwald sein, um geniale Kurven zu naschen. Zwischen Kassel, Göttingen und Eisenach gibt es auch ein Schräglagenparadies der Extraklasse, was vor allem kaum jemand kennt. Also, nichts…
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